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Naturerlebnis für Blinde in Wellingtons „Zealandia“

Das Naturschutz-Projekt „Zealandia” an der Stadtgrenze von Wellington bietet seit Anfang 2019 ein ganz besonderes Erlebnis an: Hier können Sehbehinderte und Blinde bei einer geführten Tour das Naturschutzgebiet auf ihre eigene Weise erleben.

Terese McLeod führt eine Gruppe von Besuchern auf einem Pfad, der sich durch dichten Wald in das Herz des Naturschutzgebiets von „Zealandia“ windet. Sie hält an einem Tarata-Baum, hebt eines seiner glänzenden, gelbgrünen Blätter vom Boden auf und reibt es zwischen ihren Fingern.

„Diese Blätter wurden von den Maori als Parfüm genutzt”, erzählt sie.

Die passionate Naturführerin gehöhrt zum Stamm der Taranaki Whanui. Sie gibt das Blatt an Ra Smith weiter, der die Leine seines Blindenhundes loslässt, um die Oberfläche des Blattes und seinen zitronigen Duft aufzunehmen.

McLeod führt eine Gruppe von blinden und sehbehinderten Gästen durch ein Waldgebiet, das Heimat von Neuseelands seltensten und beeindruckendsten Tier- und Pflanzenarten ist. Nur zehn Minuten Fahrt von der Hauptstadt entfernt liegt das erste vollkommen umzäunte Naturschutzgebiet der Welt auf 225 Hektar. Das ambitionierte Artenschutzprojekt konnte bereits 18 einheimische Tierarten, darunter den Little Spotted Kiwi und die Tuatara-Echse, wieder ansiedeln.

McLeod ermutigt derweil ihre Tourteilnehmer, tief einzuatmen und den Geruch des Waldes zu genießen. „Das riecht so frisch, nach ,mauri’ (Leben), nach konstanter Erneuerung,” sagt sie. Nach dem Tarata-Baum, der auch „Lemonwood“ heißt, geht McLeod weiter zu einem pfeffrig riechenden Kawakawa-Strauch mit herzförmigen Blättern und dem „Cabbage Tree“ („Ti Kouka“) mit seiner dumpf riechenden Rinde. Alle befühlen interessiert die großen Blätter des Rangiora-Strauchs. Beim „Bushman’s Friend“ kann man sich bedienen, wenn man im Wald Toilettenpapier braucht, erklärt McLeod und erntet ein paar Lacher.

Während die Gruppe tiefer in den Park hineingeht, lassen sie den Verkehrslärm von Wellington hinter sich und hören immer mehr Vogelstimmen. McLeod beschreibt ihren Gästen die Teilnehmer des Zealandia-Chors: Ein Medley mit Sopran-Stimmen von Tui, Fantail und Korimako, dem Alt der Kaka-Papageien, dem Tenor von Kawau und Paradiesente und schließlich dem Bass des Takahe.

Die Idee einer Wald-Tour für Blinde hatte McLeod schon lange. Sie selbst hatte mit Anfang 20 das Sehvermögen wegen einer Erkrankung der Cornea verloren. Erst fast zehn Jahre später gewann sie das Augenlicht dank einer Transplantation zurück. Seitdem hat sie ihre Liebe zur Natur wiederentdeckt und arbeitet für das Department of Conservation.

Die Maori haben ein Sprichwort: Man sieht mit den Ohren, und traditionell mussten junge Maori im Dunkeln lernen, um Ablenkungen auszuschalten. Wer sich aufs Hören konzentriert, lernt besser – meint McLeod und entwickelte auf dieser Prämisse ihre Tour „Te Ara o Nga Taringa i Kite”, auf Deutsch: „Die Pfade der Ohren”.

Dabei geht es ihr nicht nur darum, sehbehinderte Menschen durch den Wald zu führen. Sie möchte ihre Naturerfahrungen bereichern und intensivieren. Jemandem, der nicht sehen kann, einen bestimmten Baum oder Vogel zu beschreiben, ist nicht einfach. Aber auch Sehenden fällt es im naturbelassenen Urwald oft schwer, einen Vogel zu erblicken. Deshalb ist es zentral, sich auch auf Geräusche, Gerüche und Tastempfindungen des Waldes einzulassen.

Am Anfang stattete McLeod Freunde und Kollegen mit Simulatoren für diverse Augenerkrankungen aus und ging mit ihnen durch den Wald. Nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum stellte sie dann Schritt für Schritt ihre Tour zusammen. Dabei war das hauptsächliche Anliegen, eine Geschichte zu erzählen, die interessanter war als das langweilige Aufzählen von Fakten und Zahlen.

„Ich finde es viel spannender, meine Gäste mit einem ,mihi whakatau‘, einer Begrüßungsrede der Maori, willkommen zu heißen, oder ihnen die ,whakawhanaungatanga‘, die Beziehungen unseres Stammes mit seiner Umwelt zu beschreiben. Ich möchte den Menschen die Stimmungen und Charaktere der Natur um uns herum zeigen und ihnen Mitglieder meiner Familie vorstellen, die sie vielleicht gern kennenlernen wollen”, sagt McLeod.

Maori haben eine ganz eigene Beziehung zur natürlichen Welt, in der nach ihrem traditionellen Wissen alles mit allem verbunden ist. Menschen sind genau wie Vögel, Bäume, Berge und Flüsse alle Mitglieder einer universellen Familie.
McLeod ist eine geborene Geschichtenerzählerin und ein wandelndes Lexikon. Ihr umfangreiches Wissen über die Gebräuche der Maori teilt sie genauso bereitwillig wie die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten des Waldes als Apotheke und Speisekammer.

Mit Hilfe eines ehemaligen Kulissenbauers vom Weta Workshop gestaltete sie Modelle von Füßen und Schnäbeln einheimischer Tiere, um Blinden eine Vorstellung ihrer Größen zu geben. Sie nahm Vogelstimmen auf, sammelte Federn, Eier, Nester und Pflanzenteile, damit man sie berühren kann.

Manchmal bekommen ihre Gäste sogar die Gelegenheit, eine Tuatara anzufassen. Die Eidechsen gelten als lebende Dinosaurier und sind nur in Neuseeland heimisch. McLeod schmunzelt, als sie die Textur einer Tuatara beschreibt: „wie eine kalte Geldbörse“.

Das Interesse an ihrem Tourangebot innerhalb der Blindengemeinde wächst. McLeod wurde bereits gebeten, mehr Führungen für andere Orte in Neuseeland zu entwickeln.

(Jenny Menzel)

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