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Gloriavale: Für Mascara kommt man in die Hölle

Auf der Südinsel Neuseelands lebt eine Sekte abgeschnitten vom Rest der Welt. Streng christliche Werte bestimmen ihr Leben – eine fundamentalistische Utopie, die ein früheres Sektenmitglied als „Himmel und Hölle“ beschrieb. Eine neue Stiftung hilft ehemaligen Mitgliedern nun bei der Integration in die Gesellschaft.

In der Sekte Gloriavale scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: Familien mit über zehn Kindern sind keine Seltenheit – Verhütung gibt es nicht. Das Rollenverständnis ist traditionell: Die Männer arbeiten in der Schreinerei oder der Molkerei, die Frauen putzen, kochen und kriegen Kinder. Je mehr, umso besser.

„Die Leute fragen mich, warum ich so glücklich bin, Mahlzeiten zu kochen oder mit den Mädchen die Wäsche zu machen“, schreibt das Sektenmitglied Dove Love auf Facebook. Auch wenn diese Aufgaben manchen „klein und unbedeutend“ erscheinen würden, Gott würde das „Opfer“ doch sehen und schätzen.

Frauen müssen sich unterwerfen

Nach außen mimt die Sekte mit ihren etwa 500 Mitgliedern die „heile Welt“. In Gloriavale – in der idyllischen Region Haupiri auf der Südinsel Neuseelands gelegen – herrscht eine Parallelwelt, eine Art fundamentalistische Utopie, die gleichzeitig an die frühen Pionierzeiten erinnert.

So tragen alle Bewohner der Gemeinde die gleiche „Uniform“: blaue Hosen und Hemden für die Männer, lange, blaue Kleider mit einem Kopftuch für die Frauen. Schminken ist verboten – wer Mascara benutzt, kommt in die Hölle, wie man in Gloriavale weiß.

Ehen werden von den Gemeindeältesten arrangiert. Ein Mann bringt der Frau einen Blumenstrauß – als Zeichen des Heiratsantrags. Dass sie den Antrag annimmt, wird von der Gemeinde erwartet, genauso wie die völlige Unterwürfigkeit der Frau in der Ehe. „Sie ist bereit, sich mir zu unterwerfen, etwas, das ich als sehr wichtig für eine Ehe empfinde, damit sie von Dauer ist“, sagte ein männliches Sektenmitglied 2016 in einer Fernsehdokumentation, die zeigte, wie die Menschen in Gloriavale ihrem täglichen Leben nachgehen.

„Es war Himmel – und Hölle“

Die Gemeinschaft steht in Gloriavale im Vordergrund: Alle frühstücken und essen gemeinsam zu Abend. Die Frauen machen den Haushalt und kümmern sich um die Kinder. Diese zu gebären ist ihre Hauptaufgabe, je mehr, umso angesehener ist man in der Gemeinschaft.

Die Männer arbeiten als Klempner oder Schreiner oder in einer Fabrik, wo die Sekte Körbe herstellt. In der Freizeit gehen die Gemeindemitglieder wandern und schwimmen, feiern Feste, machen Wettrennen in Schubkarren oder spielen Ballspiele. Internet und Medien sind dagegen streng reguliert, für die Kinder gibt es eine eigene Schule am Gelände.

Die Dokumentation, die diese vermeintlich „heile Welt“ 2016 in die neuseeländischen Wohnzimmer ausstrahlte, wurde im Anschluss von vielen Seiten kritisiert. Der Regisseurin wurde vorgeworfen, weder die Verurteilung des 2018 verstorbenen Sektenführers Neville Cooper alias Hopeful Christian wegen sexuellen Missbrauchs angesprochen zu haben noch die Unterwerfung der Frauen und Kinder.

Letztere schilderte das einstige Sektenmitglied Lilia Tarawa 2017 in einem Tedx-Talk, den sie „Es war Himmel – und Hölle“ nannte. Dort berichtete die Enkeltochter des Sektenführers von öffentlicher Erniedrigung und brutaler Gewalt, mit der Kinder und Frauen für kleinste „Vergehen“ bestraft und so zur Unterwerfung gezwungen werden.

Stiftung hilft ehemaligen Sektenmitgliedern

Lilia Tarawa ist eines von inzwischen über 70 Sektenmitgliedern, die sich in den vergangenen sechs Jahren von der Gemeinde abgewendet und versucht haben, in der Region South Canterbury Fuß zu fassen. Im vergangenen Jahr hat beispielsweise eine elfköpfige Familie den Ausstieg gewagt, die noch nie ein Leben außerhalb der Gloriavale-Gemeinde gekannt hatte.

Eine Stiftung soll diesen schwierigen Weg in Zukunft etwas einfacher machen. Die Initiatoren, die in der Vergangenheit bereits dutzenden Menschen beim Austritt geholfen haben, hoffen, mit Hilfe des Gloriavale Leavers' Support Trust noch mehr Unterstützung bieten zu können.

In Timaru in der Region South Canterbury seien die Menschen sehr offen und „wenn die Leute in Gloriavale davon erfahren, dass ihre Familienmitglieder hier gut betreut werden, überdenken sie, was ihnen beigebracht wurde“, sagte Liz Gregory dem lokalen Nachrichtenmedium Stuff.

„Ihnen wird beigebracht, dass Timaru ein böser Ort ist, aber wenn sie von der Freundlichkeit in South Canterbury hören, denken sie, dass es vielleicht doch nicht ganz so ist, wie man es ihnen erzählt hat.“

(Barbara Barkhausen)

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