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Willkommen bei 360° Neuseeland

Dieser Papagei kennt sich mit Wahrscheinlichkeit aus

Kea with token Credit: Amalia Bastos

Forscher in Neuseeland haben herausgefunden, dass der heimische Kea Wahrscheinlichkeit in Betracht zieht, wenn er Entscheidungen trifft. Die schlauen Bergpapageien sind die ersten Tiere neben den Menschenaffen, die zudem verschiedene Arten von Informationen kombinieren können, um ein Urteil zu fällen.

Dass der unauffällige neuseeländische Kea (Nestor notabilis) ein schlauer Vogel ist, ist eigentlich kein Geheimnis: Er ist dafür bekannt, Verkehrshütchen zu verrücken, Brieftaschen zu klauen und sich mit Schafen anzulegen.

Doch der olivfarbene Bergpapagei, der mit seinen fast 50 Zentimetern Größe durchaus ein stattlicher Vogel ist, ist nochmal deutlich schlauer, als bisher gedacht, wie neuseeländische Forscher herausfanden. Die Studie der Universität von Auckland, die im Fachmagazin „Nature Communications“ veröffentlicht wurde, zeigt, dass die Vögel Entscheidungen treffen, indem sie abwägen, welches Ergebnis wahrscheinlicher ist. Zudem haben die Vögel bewiesen, dass sie zwei Informationsquellen verbinden können, um ein Urteil zu fällen. Ähnlich hohe Intelligenz kennt man im Tierreich bisher nur von Menschenaffen.

Wo ist der schwarze Token?

Bei den Experimenten zeigten die Forscher den Keas zwei Gläser mit schwarzen und orangefarbenen Token. Den Vögeln wurde beigebracht, dass die schwarzen Token gegen eine Futterbelohnung eingetauscht werden konnten. In dem Experiment mussten die Keas dann das Glas auswählen, von dem sie dachten, dass es ihnen die beste Chance geben würde, eine Belohnung zu erhalten. Nachdem ein Forscher mit geschlossener Hand einen Token aus jedem Glas gezogen hatte, musste der Kea auf die Hand tippen, von der er glaubte, dass sie die Belohnung enthalten würde.

Manchmal gab es mehr schwarze Token in einem Glas als im anderen, manchmal gab es die gleiche Anzahl schwarzer Token in beiden Gläsern, aber ein Glas hatte mehr orangefarbene, und manchmal hatten die Gläser die gleiche Menge orangefarbener Token, aber ein Glas hatte mehr schwarze Token. Der Kea wählte stets so, dass die Wahrscheinlichkeit höher war, einen schwarzen Token zu greifen. Auch ein zweites Experiment, bei dem eine Barriere in der Mitte der Gläser mit unterschiedlichen Anteilen an schwarzen und orangefarbenen Token oben und unten platziert wurden, zeigte, dass die Vögel das Glas mit der meisten Anzahl schwarzer Token über der Barriere auswählten.

Ähnlich intelligent wie Kleinkinder und Schimpansen

Im letzten Experiment mussten die Keas zwischen zwei Forschern wählen, die die Token auswählten. Einer davon nahm grundsätzlich nur schwarze Token, selbst wenn weniger davon im Glas waren, während der andere beide Farben auswählte. Auch hier erinnerten sich die Vögel daran, welcher der Forscher stets nach einem schwarzen Token griff.

Die Ergebnisse der Studie seien überraschend, da sie „die Ergebnisse von Kleinkindern und Schimpansen in ähnlichen Tests widerspiegeln“, sagte Amalia Bastos von der Universität von Auckland. Nicht nur würden die Vögel Wahrscheinlichkeit einschätzen können, sondern auch verschiedene Informationen hinzuziehen, um eine Entscheidung zu fällen. Vor allem Letzteres sei wirklich unerwartet gewesen. „Bisher nahm man an, dass diese Art der Integration Sprache erfordert“, sagte die Wissenschaftlerin.

Künstliche Intelligenz könnte profitieren

Laut Alex Taylor, der ebenfalls an der Studie mitwirkte, könnten die Erkenntnisse aus der Studie auch Forschern im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) weiterhelfen. KI-Forscher, die sich von biologischer Intelligenz inspirieren lassen würden, könnten „den aktuellen Fokus auf das Gehirn von Säugetieren durch Arbeiten am sehr unterschiedlichen Vogelhirn ergänzen“, meinte der Wissenschaftler.

Insgesamt leben in Neuseeland noch geschätzte 3000 bis 7000 Keas in der Wildnis. Vor allem bei Farmern haben die Papageien einen schlechten Ruf, da sie immer wieder Schafe attackieren und dabei mit ihren kräftigen Schnäbeln ordentliche Stücke Fleisch aus deren Rücken herausreißen. Zwischen 1860 und 1970 förderte die neuseeländische Regierung deswegen sogar, dass Bauern die Vögel jagten und zahlte Kopfgeld für tote Keas. Rund 150.000 wurden dafür erlegt. Erst 1986 wurde der Vogel dann offiziell unter Schutz gestellt.

Insgesamt ist die Vogelwelt Neuseelands schwer angeschlagen: Neben den intelligenten Keas gibt es beispielsweise noch die flugunfähigen Kiwis und Kakapos. Ihre Zahlen sind wie die des Keas stark dezimiert worden, seitdem der Mensch Neuseeland vor etwa 700 Jahren besiedelt hat. 70 Vogelarten sind über die Jahrhunderte ausgestorben, 30 Prozent der noch lebenden Arten sind inzwischen bedroht. Laut einer Studie, die Forscher im August im Fachblatt „Current Biology“ veröffentlichten, würde es 50 Millionen Jahre dauern, bis sich die Vogelwelt Neuseelands wieder völlig regeneriert hätte.

Barbara Barkhausen

Foto Credit: Universität von Auckland

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